Saat ausbringen

Oder

Was passiert, wenn eine Buddhistin Elchsleber isst

Meine erste Woche bei Julien und seinem Vater George in der Nähe von Sainte Francoise, eine Stunde südlich von Quebec City ist bereits rum. Und ich freue mich auf die bevorstehenden zwei.

Am Montagmorgen vergangener Woche fahre ich mit den anderen noch einmal aus dem blauen Haus zum Haupthaus der Baumschule, um dort gemeinsam mit allen zu frühstücken. Die Verabschiedung fällt herzlicher und wärmer aus, als ich sie erwartet hätte.

Julien hat sich für 8.30 Uhr angekündigt. Er verspätet sich und so sitze ich in der Sonne und schreibe Tagebuch als der fast zwei Meter große junge Mann mit dem schwarzen Lockenkopf aus seinem vollgepackten Auto steigt.

Meine Selbstwahrnehmung ist noch immer nicht die beste und so haben wir in den ersten beiden Tagen ein wenig Anlaufschwierigkeiten.

Wir fahren zu einem Freund von ihm, wo wir in einem hübschen kleinen Häuschen im Nirgendwo übernachten und helfen diesem am nächsten Tag ein wenig in seiner Baumschule. Am Abend hat Julien einen Kurs für Unternehmensgründer. Da auf französisch für mich leider weniger spannend.

Und dann sind wir bei ihm zu Hause. Und finden langsam in unseren Rhythmus. Ich finde in Küche und Garten mal wieder meinen Platz und fühle mich mit jedem Tag wohler.

Unkraut jähten, pflanzen, umtopfen, sähen. In der Sonne des späten Mais. Ich mache Bekanntschaft mit den Blackflies und den angekündigten Moskitos. Eine Herausforderung. Sie an zu nehmen, sich beißen zu lassen. Ich sehe bald aus, als hätte ich Masern. Das Citronellaspray hilft, zum Glück!

Der Freitag ist ein verrückter Tag. Es ist heiß und stürmisch. Wir werfen den am Vorabend gemachten Plan über den Haufen, da der Regen früher kommen soll, als ursprünglich gedacht und fahren als erstes auf die gepachtete Fläche, um zu sähen.

Was sich als eine der schönsten Aufgaben herausstellt, die ich je gemacht habe.

Ich fülle die Buchweizensaat in eine Schüssel, die ich unter meinen linken Arm klemme. Meine Füße sind nackt und versinken leicht in der aufgeworfenen, von der Sonne erhitzten Erde. Der Wind fährt mir in starken Böen wieder und wieder in die Haare. Und so schreite ich langsam das Feld ab und bringe mit jedem Schritt die Saat aus. Eine weiche, weite Bewegung aus dem Handgelenk. Die Körner fliegen, vom Wind noch ein Stück getragen, auf das satte Braun des Bodens, wo sie keimen und wachsen werden, um dann die Frucht zu tragen.

Dann gerät alles noch ein wenig mehr durcheinander. Eine Lieferung Mist und das Auto, das kaputt geht sorgen dafür, dass wir erst um halb sieben, nach einem wiederbelebenden Bad in einem kleinen Pond, auf das Feld zurück kehren und den Buchweizen und den gesäten Hafer in die obere Bodenschicht einarbeiten. Von Moskitos und Blackflies attakiert pflanzen wir dann noch Nüsse.

Die Autofenster offen, auf dem Weg zurück, der Himmel gelb, Donnergrollen in der Ferne. Aber noch immer kein Regen.

Der kommt als wir dann im dunklen Wohnzimmer sitzen, in die Blase aus Licht eingehüllt, die die Schreibtischlampe kreiert. Und er kommt großzügig und lebendig.

An diesem Abend sprechen wir auch über die Elchsleber. Die da eingefroren irgendwo ist. Ich esse ja kein Tier und keine tierischen Produkte. Da ich so nur schwer an Vitamin B12 komme ist Leber eine sehr effiziente Quelle. Und so wird der Sonntag zum Tag der kulinarischen Highlights auserkoren. Buchweizenpancakes zum Frühstück, Geroges deckt den Tisch auf der Veranda herzallerliebst, während ich die Pancakes backe und zum Mittagessen also Elchsleber.

Auch diese bereite ich zu. Und schon währenddessen bin ich von der ganzen Sache nicht mehr so richtig überzeugt. Zumal das mit dem Fleischessen im Buddhismus in den vergangenen Wochen bei mir persönlich Thema war und weil dieses Gebot eigentlich eines derer ist, die mir leicht fallen um zu setzen. Dieser Elch wurde willentlich getötet, eine Leidvolle Handlung. Aber gut, belassen wir es dabei, dass mir die ganze Leber-Sache ein bisschen unwohl ist. Ich will aber auch nicht abspringen, weil jetzt ist sie aufgetaut. Und das wäre nun wirklich verschwenderisch. Ich mache also Apfelblaukraut dazu und brate die Leber heiß und lang. Dazu gibt es eine süß säuerliche Marmelade. Eine kanadische Variation des deutschen Festessen-Klassikers. Wild mit Rotkohl und Preiselbeeren. Es schmeckt tatsächlich ganz gut.

Heute Morgen dann, mein Rucksack ist gepackt, um mich mit Ama für drei Tage in Quebec City zu treffen,wird mir nach dem Frühstück spei übel, ich bekomme Schüttelfrost und Kopfschmerzen. Alle Symptome einer Lebensmittelvergiftung. Ich verbringe den gesamten Vormittag mit erhöhter Temperatur auf dem Sofa und schlafe. Ab Mittag geht es langsam wieder bergauf. Der Ausflug nach Quebec City ist um einen Tag verschoben. Ich bin sehr erleichtert, dass er nicht ausfallen muss.