Finger in der Nase

oder Davon, lieber ein Huhn zu sein

Es ist also bereits eine Woche, die ich in Kanada bin. Ein großes Land. Ein weit entfernter Kontinent. Eine ewige Woche.

Und ich gebe zu, dass sie nicht gut war, die erste Woche. Im Gegenteil. Hier zu sein hat mich dermaßen aus der Bahn geworfen, dass ich keinen Augenblick genießen konnte.

Ich wollte gerne ein Zugvogel sein. Meine Schwingen ausbreiten und durch ferne Länder reisen, spannende Abenteuer erleben und mit einem Sack voll Geschichten heim kehren.

Aber was, wenn ich eigentlich gar kein Storch bin, der zwar Anstrengungen auf sich nehmen muss, doch aber eine gewisse Erhabenheit über Wind und Weltmeere hat. Was wenn man eher so die Schwalbe ist. Oder gar kein Zugvogel? Sondern vielleicht so ein nettes, kleines Haushuhn?

In meinem Inneren habe ich das schon länger gespürt. Dass dieses schwarzweiße Gefieder eigentlich nicht so ganz das meine ist.

Hier habe ich endgültig begriffen: es ist ein Kostüm!

Und darunter? Was für ein schönes, weiß geschecktes Braun. Eine kleine Henne!

Und so habe ich einen Entschluss gefasst. Ich bleibe deutlich kürzer, als anfangs gedacht.

Seit dem ich das beschlossen habe und auch schon nach Flügen nach Hause geschaut habe, kann ich mit einem Mal hier sein. Und die Gedanken an zu Hause zerreißen mich nicht mehr.

Ich bin also gerade nordwestlich von Montreal, der Ort heißt Ste Julienne, ist sehr klein und in dem Haus, in dem ich untergebracht bin, gibt es nicht mal Internet. Was, dem Umstand meines Heimwehs geschuldet, anstengend war.

Ich bin in einer Baumschule. Ökologisch gezogene Obst- und Nussbäume werden hier von den Mitgliedern der Gemeinschaft angeboten. Denn hier wird zusammen gearbeitet und gelebt.

Die Hauptsprache ist Französisch. Aber ich bin erstaunt, wie schnell ich rein komme. Mittlerweile kann ich den Unterhaltungen auf französisch folgen und beteilige mich in englisch daran.

Der Umstand, dass hier in Quebec ein anderes Französisch gesprochen wird, als in Frankreich, sorgt immer wieder für Unterhaltungen zwischen der französischen Freiwilligen und den anderen. Um mich an dem Gesagten teilhaben zu lassen wird übersetzt. Aber ‚Hast du die Finger in der Nase‘ klingt einfach nur schräg. Damit ist gemeint, ob man beim Arbeiten einschläft.

Mein Versuch die Beschreibung für tiefen Schlaf ‚wie ein Stein‘ zu übersetzen sorgt ebenfalls für Gelächter.

Insgesamt sind wir hier zu zehnt und die erste Woche bestand hauptsächlich daraus Bestellungen zu verpacken. Am Montag ist großer Versandtag. Weshalb gerade noch eine Nachtschicht eingelegt wird, zu der ich mich gemeldet habe. Zumindest für eine, zwei Stunden.

Ich werde wohl noch eine Woche hier bleiben. Die erste Woche war ich so passiv hier, dass es schade wäre so ganz ohne richtigen Eindruck wieder ab zu reisen. Außersem kann man hier viel lernen. Zum Beispiel, wie man einen Apfelbaum pflanzt. Vom Samen zum Baum. Das wäre doch ein schönes Projekt für den Garten der kleinen Henne.

Morgen backen wir Brot. Sie machen hier alles Mögliche selbst, kochen ein, fermentieren, backen, Hühner haben sie und eine unüberschaubare Vielfalt an Obst und Gemüse. Wäre es nicht gar ein so unordentlicher Ort, es wäre wundervoll!

Da ich mit dem Kopf woanders war, die letzten Tage, nur sehr wenige Bilder. Ich vermute, das wird jetzt mehr.

Bieberpfote. Von einem überfahrenen Bieber, den sie versorgt habe. Nur die Hand haben sie vergessen.

Frühstück für zehn.

Kaffee, Ahornsirup, Tagebuch.

Montreal, auf dem Weg hier her.

Montreal, Stadt der Gegensätze.