meinen Platz finden, wieder und wieder

Wenn es in der Backstube dann wieder leiser wird, die Maschinen aus sind, der Ofen auskühlt, dann beginnt irgendwann, erst zaghaft, dann beherzter, dieses feine Zirpen. Ich legen den Kopf schräg, als ich es das erste Mal höre. „Heimchen“, sagt der Hofbesitzer darauf hin. Ich nicke. „Eigentlich nicht gut“, fügt er hinzu. Ja, denke ich, eigentlich nicht so gut. Aber ich mag die Vorstellung, dass ein Heimchen in der Backstube wohnt. Da in den Ecken und Winkeln hinter dem Ofen ihr warmes Plätzchen hat und sich jede Nacht aufs Neue über diesen Lärm ärgert.
Es ist noch dunkel, als ich um halb sechs über den Hof gehe, um Papiermüll weg zu bringen. Die Schweine grunzen leise, fangen aber glücklicherweise nicht an Radau zu machen, wie sie es zu tun pflegen, wenn es Futter gibt. In einer Stunde kommen die anderen raus, um die Tiere zu versorgen, Salat zu ernten.
Langsam wird der Himmel heller und irgendwann, kurz bevor ich mein Tagwerk beende, ist es so hell draußen, dass ich mich nicht mehr in den Fensterscheiben spiegele, sondern das Gewächshaus und den Wintergarten erkenne, auf die wir aus der Backstube blicken.
Ich mache dann „Feierabend“ und gehe um viertel nach sieben rein zum gemeinsamen Frühstück.
Ich atme die kühle Luft und ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen.
So habe ich mal wieder meinen Platz gefunden. Meine Lücke in diesem Geflecht aus Kühen, Schweinen, Praktikant*innen, Lehrlingen, Katzen, Salatfeldern, Tomatengewächshäusern.
Und mal wieder war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In der Backstube ist seit vergangenem Montag jemand ausgefallen.
Jetzt etabliere ich hier auf dem Schümannhof also meinen eigenen kleinen Rhythmus. Ein Puls im großen Herzschlag dieses Hofes.
Es sei „sehr angenehm“ mit mir und es wäre schön, wenn ich bis Ende Oktober bleiben wollen würde.
Ich gehe durch die Diele am Hofladen vorbei ins Wohnhaus, komme am Büro vorbei und lese im Vorbeigehen den Zettel „Nein, wir wissen NICHT wo Janosch ist!“ noch einmal. Janosch ist der Betriebsleiter und ein viel gesuchter Mann. Auf dem Weg nach oben zu meinem Zimmer begegnet mir Sammy, der orangene Kater, den wir am Abend immer aus dem Haus werfen, weil er sonst vor meine Zimmertür macht. Im Vorbeigehen streichle ich ihm über den Kopf und er reckt ihn mir entgegen. Drückt ihn an meine Hand, kurz, nur für die Berührung kommt er mir entgegen, vertieft unsere Begegnung.
Mein Zimmer ist oben unter dem Dach. Gestern hat es geregnet und die Tropfen haben einen kleinen Rhythmus gespielt, den Herbst verkündet, der unweigerlich gekommen ist.
Hier habe ich viel Raum für meine Kreativität. Ich male und schreibe viel.
Am Morgen mache ich Yoga und ich lese. Lese, lese, lese.
Es geht mir gut hier. Darum bleibe ich eine Weile. Vermutlich bis Ende Oktober.