die erste Stelle

in Auszügen

Vorgestern habe ich festgestellt, dass ich mich sehr wohl fühle in dieser Bäckerei. Dieser riesigen Backstube, Mehlstaub in der Luft, das ständige Brummen, Rattern, Klappern und Lärmen irgendwelcher Maschinen. Circa dreißig verschiedene Sorten Brot, zahllose Brötchen die Nacht für Nacht durch unsere Hände wandern.
Ich fühle mich wohl, weil ich einfach so mitlaufe. Ich kann rundwirken, habe das nötige Fachwissen, die handwerklichen Grundkenntnisse. Insgesamt arbeiten dort ungefähr 25 Menschen. Ich bin einfach eine von vielen. Ich gehe unter. Und das tut gut. Ich bin da, einfach so, von heute auf morgen. Habe die gleichen Rechte und Pflichten, wie alle, beim Frühstück, liebevoll von der Mutter der Inhaber in einer kleinen Küche angerichtet, meine eigene Tasse.

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Körperlich ist es tatsächlich sehr anstrengend, aber auch das tut nach vier Monaten reisen gut. Die Bleche sind doppelt so groß, wie die in der Bäckerei, wo ich gelernt habe. Das Sortiment um ein vielfaches ausgefallener, größer, Facetten reicher.
Ich habe Brezeln machen gelernt. Täglich viele, viele Bleche, die wir da werfen müssen. Der Chef lacht, als er an mir vorüber geht: „Ja, so ist das, wenn man nördlich des Äquators geboren wird.“ Er meint den Brezel-Äquator.
Um ehrlich zu sein hatte ich über solche regionalen Spezialitäten überhaupt nicht nachgedacht, als ich beschlossen hatte, hier in Karlsruhe nach Arbeit zu suchen.

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Heute ist die Hälfte meiner Zeit hier ziemlich genau rum.
Ich bin zu einem Rädchen im Getriebe geworden. Vielleicht nicht eines, das perfekt funktioniert, aber ich laufe so mit.
Müde bin ich. Aber ich habe mich wieder ganz gut in diesen seltsamen Rhythmus eingefunden. Und irgendwie fliegen die Tage so dahin. Von der Arbeit auf dem Rad „nach Hause“ gestrampelt, ein bisschen was gegessen, geduscht, geschrieben, gelesen, Musik gehört und schon ist er wieder rum, der Tag.

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Um 2.20 Uhr klingelt mein Wecker. Tatsächlich bin ich, mal wieder, ganz schön müde. Gestern war es wieder „spät“. Als ich die Augen wieder aufschlage ist es bereits 2.35 Uhr, ich muss noch mal eingeschlafen sein. Anziehen, rauf auf’s Rad.
An dieser einen Abzweigung muss ich immer noch aufpassen, dass ich nicht falsch abbiege, aber dem Bromberstrauch, der über den Weg hängt weiche ich auch schon im Dunkeln gekonnt aus. Mondlos ist die Nacht.
In der Backstube angekommen mache ich mich daran das Vollwertsaftkornbrot aus den Formen zu lösen und in die Körbe zu verteilen. Mürbeteig ausrollen, die ersten fertigen Produkte für die Filialen abpacken, Laugencorissants, Berges flechten. Frühstück um halb neun. Was spät ist, N. und ich sind die letzten die zur Seniorchefin in die Küche kommen.
Während der Pause wirft dann die Sonne ihre Straheln erstmals an diesem Tag über die Dächer in den Innenhof, blauer Himmel in dem Rechteck zwischen den Hauswänden. Ich mag meinen Job so gerne. Auch wegen dieses Momentes. Wenn die Sonne dann da ist, wenn es nach frisch gebackenem Brot riecht, wenn die ersten Kunden im Laden stehen.
Um dreizehn Uhr stehen wir dann noch zu viert um den Tisch und lösen die Osterlämmer aus ihren Formen. Ich nasche wieder zu viel von dem noch warmen Teig. Das erste Mal, dass ich davon tatsächlich Bauchschmerzen bekomme. Wir reden, albern herum. Und da entdecke ich in mir den ewigen Zwispalt. Bleiben, weil es schön ist, weil ich mich wohl fühle, einrichte. Und der Drang genau deshlab zu gehen. Wieder raus auf die Straße, hinaus in die Welt, in die Fremde. Mich wieder lösen, auflösen, verschwimmen.